BETRIEB · VERBRAUCH

Elektro-Lkw Verbrauch: kWh pro 100 km richtig messen und vergleichen

120 kWh im Fahrzeug und 135 kWh am Zähler können zum selben Einsatz gehören. Erst die Messgrenze erklärt, was eine Verbrauchszahl aussagt und welche Kosten sich daraus berechnen lassen.

Mercedes-Benz eActros 600 als Sattelzugmaschine vor einem Logistikgebäude
Mercedes-Benz eActros 600 in Frankfurt-Ostend, Dezember 2024.Foto: Matti Blume / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0
Blaue MAN eTGX 20.600 Sattelzugmaschine auf dem MAN-Messestand der IAA 2026
Neue Generation: MAN eTGX 20.600 auf der IAA Transportation 2026. Separat von der bisherigen eTGX-Version mit 480 kWh nutzbarer Energie einzuordnen.Foto: MarcelX42 / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0

Eine Zahl braucht eine Messstelle

„Der Lkw verbraucht 120 kWh pro 100 Kilometer“ bleibt unvollständig, solange wir nicht wissen, wo diese Energie erfasst wurde. Fahrzeuganzeige, DC-Abgabe der Ladesäule und Strombezug vor der Ladeanlage beschreiben unterschiedliche Grenzen. Außerdem muss bekannt sein, ob Heizung, Vorbereitung und Standzeiten in der Zahl enthalten sind.

Für die Tour brauchen wir den zur verwendeten Batterieenergie passenden Verbrauch. Für die Stromrechnung brauchen wir die tatsächlich berechnete Energiemenge am jeweiligen Abrechnungspunkt. Wer einen Fahrverbrauch einfach mit jedem Ladetarif multipliziert, kann zusätzliche Energie und andere Preisbestandteile übersehen. Der richtige Wert richtet sich nach der Frage, die beantwortet werden soll.

ZWEI MESSGRENZEN · EIN ZEITRAUM

Am Zähler steht eine andere Zahl.

Frei gewähltes Rechenbeispiel

1.000 km, gleiche Anfangs- und Endbedingungen der Batterie. Zwei getrennte Messungen desselben gedachten Einsatzes.

VOR DER LADEANLAGE

Zugeteilter Strombezug

1.350kWh135 kWh/100 km

Einschließlich der an dieser Grenze erfassten Lade- und Nebenverbräuche.

IM FAHRZEUG

Erfasste Fahrzeugenergie

1.200kWh120 kWh/100 km

Umfang der Fahrzeugauswertung bestätigen: Welche Verbraucher und Zeiten sind enthalten?

Differenz der beiden Angaben15 kWh/100 km

Keine automatische Aufteilung in Ladeverluste, Vorheizung und sonstige Verbraucher. Dafür fehlen in diesem Beispiel zusätzliche Messungen.

Schematische Zählerdarstellung, keine reale Messung. 1.350 beziehungsweise 1.200 kWh ÷ 1.000 km × 100. Die Differenz ist nicht automatisch Ladeverlust; ohne abgeglichene Bilanzgrenzen ist sie auch kein Wirkungsgradnachweis.

Das Beispiel: 1.000 Kilometer, zwei Zählerstände

Angenommen, über einen abgegrenzten Zeitraum wurden 1.000 Kilometer gefahren. Der zugeordnete Strombezug beträgt 1.350 kWh, die Fahrzeugauswertung nennt 1.200 kWh. Daraus werden 135 beziehungsweise 120 kWh/100 km. Der Unterschied beträgt 150 kWh insgesamt oder 15 kWh/100 km. Die Werte sind frei gewählt, keine Fahrzeugmessung.

Die Differenz ist nicht automatisch Ladeverlust. Dafür müssten die Messgrenzen, Nebenverbraucher und Änderungen des gespeicherten Energieinhalts bekannt sein. Beispielsweise kann Vorheizen im Strombezug enthalten sein, während eine Fahrzeugauswertung nur den Fahrtabschnitt zählt. Ein gemeinsamer Depotzähler kann außerdem andere Verbraucher enthalten. Solche Anteile lassen sich ohne passende Unterzähler nicht seriös einem einzelnen Lkw zuschreiben.

Warum gleicher Ladezustand am Anfang und Ende wichtig ist

Wenn die Batterie am Ende voller ist, wurde ein Teil des bezogenen Stroms gespeichert und noch nicht verfahren. Ist sie leerer, stammt ein Teil der Fahrtenergie aus dem Anfangsbestand. Beides verfälscht einen einfachen Quotienten aus bezogenem Strom und Strecke. Planen Sie deshalb einen vollständigen Vergleichszyklus mit möglichst gleichen Lade- und Temperaturzuständen.

Auch eine identische Prozentanzeige ist keine Präzisionsmessung in kWh. Bei größeren Unterschieden oder wechselnden Akkutemperaturen braucht die Auswertung zusätzliche Daten und eine begründete Korrektur. Ein langer, wiederholter Messzeitraum kann einzelne Ladegrenzen weniger dominant machen; er ersetzt aber nicht die saubere Zuordnung von Fahrzeug, Zeitraum und Zähler.

Blauer Mercedes-Benz eActros 600 schräg von hinten neben einer Ladeanlage auf der IAA 2024
Mercedes-Benz eActros 600 mit Ladeanlage auf der IAA 2024. Eine Messeaufnahme belegt weder eine bestimmte Ladeleistung noch eine gemessene Ladekurve.Foto: Matti Blume / Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0
LADEN IN DER PRAXIS

Der Anschluss ist erst der Anfang.

Der eActros 600 neben einer Ladeanlage macht die Schnittstelle sichtbar. Ob die geplante Pause reicht, entscheiden freigegebene Hardware, Akkutemperatur und der gesamte Ladeverlauf.

  • Feste Energiemenge statt nur Spitzenleistung vergleichen.
  • Ladekurve bei warmem und kaltem Akku verlangen.
  • Leistungsteilung an der tatsächlichen Station prüfen.

Ein Herstellerwert, den man mit Kontext lesen muss

Daimler Truck berichtet für einen seriennahen eActros-600-Prototyp auf der European Testing Tour 2024 einen durchschnittlichen Fahrverbrauch von 103 kWh/100 km bei 40 Tonnen Gesamtzuggewicht. Der Versuchsrahmen umfasste eine verbrauchsoptimierte Konfiguration, damalige Erprobungsreifen und wirtschaftliche Fahrweise.

Dieser Befund ist nützlich als dokumentiertes Beispiel. Er ist weder der garantierte Verbrauch jeder bestellbaren Variante noch automatisch der abgerechnete Strombezug eines Depots. Für den eigenen Vergleich sollten Messseite und Versuchsbedingungen neben der Zahl stehen. Erst dann lässt sich entscheiden, ob der Einsatz mit dem eigenen Betrieb vergleichbar ist.

VOM DATENBLATT ZUM BETRIEB

Vier Schritte zu vergleichbaren Verbrauchswerten.

Schematischer Ablauf
  1. 01

    Auftrag

    Strecke und Nutzlast

    Auflieger, Ware, Route und Zeitfenster festlegen. Randbedingungen notieren.

  2. 02

    Grenze

    Zähler und Zeitraum

    Fahrzeugenergie, DC-Abgabe und Netzbezug getrennt erfassen. Verbraucher zuordnen.

  3. 03

    Abgleich

    Anfang und Ende

    Ladezustand und Temperatur dokumentieren. Energiespeicher nicht unbemerkt mitverbrauchen.

  4. 04

    Auswertung

    kWh je Aufgabe

    Strecke, Energie und erledigten Auftrag gemeinsam auswerten. Datenlücken benennen.

Redaktionelles Ablaufschema. Die technischen Funktionen und verfügbaren Messwerte der konkreten Fahrzeug- und Ladeanlagenversion bestätigen.

So wird aus einer Probefahrt ein brauchbarer Vergleich

Definieren Sie vor dem Start die Transportaufgabe: gleiche Warenmenge, Auflieger, Strecke und möglichst vergleichbare Verkehrs- und Wetterbedingungen. Halten Sie Tempo, Reifen, Nebenverbraucher und Standzeiten fest. Ein leerer Demonstrator darf nicht stillschweigend mit einem beladenen Zug verglichen werden.

Fordern Sie Rohdaten beziehungsweise nachvollziehbare Auszüge an, statt nur ein Foto des Durchschnittswerts zu übernehmen. Dokumentieren Sie ausgefallene Messabschnitte und ungewöhnliche Ereignisse. Wenn ein Messpunkt fehlt, bleibt dieser Teil der Bilanz offen. Für die erste Orientierung genügt eine einfache Tabelle, solange jeder Wert eine Einheit, Messstelle und Zeitspanne hat.

Von kWh zur betrieblichen Entscheidung

Ein niedriger Energieverbrauch ist hilfreich, aber die Transportaufgabe bleibt der Maßstab. Wenn eine Konfiguration weniger Ware pro Fahrt mitnimmt oder einen zusätzlichen Umlauf benötigt, sollte die Auswertung auch Energie je erledigtem Auftrag erfassen. So belohnt der Vergleich nicht unbeabsichtigt eine effizient wirkende Einzelfahrt mit schlechterer Gesamtleistung.

Für eine Kostenschätzung tragen Sie im Kostenrechner einen Verbrauch ein, der zur gewählten Preisbasis passt, und dokumentieren Sie zusätzliche Kosten gesondert. Der Winterratgeber ergänzt die Vorbereitung am Depot; die Einordnung der Ladekosten behandelt den Standort. Ein belastbarer Vergleich beginnt mit diesen Grenzen und endet mit einer wiederholbaren Tour.